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DANIELA FINKE Fotografie

hostesses

Habit und Habitus, Teresa Löwe-Bahners, 2007

Zwei weiß behelmte Hafenarbeiter in Rückenansicht: Wie festgefroren stehen sie auf dem Kai, in Arbeitsschuhen und kurzen Hosen, und blicken halbrechts aus dem Bild heraus auf das Meer, auf dem für uns nichts zu sehen ist außer dem Horizont. Daniela Finkes Bild „Dockers“, 2005 mit dem Europäischen Architekturfotografie-Preis ausgezeichnet, erinnert an die Ästhetik von Edward Hopper – Menschen in ihrer Alltagsumgebung, die darin wie Statuen wirken, Blicke ins Nichts, starke Licht-Schatten-Kontraste, metallene Farbigkeit.

Am Meer oder auf dem Wasser sind viele Bilder der Berliner Fotografin angesiedelt. Für die Serie „Baywatch“ beobachtete sie 2004 die internationalen Sportwettkämpfe der DLRG in Warnemünde, und auch – das verrät der über dem Blaulicht der „Two in a boat“ in den Himmel wachsende Fernsehturm – Berliner Lebensretter bei der Arbeit.

Die als stolze Solitäre ins Bild gesetzten Strandwächtertürme können inzwischen schon einen eigenen Zyklus bilden: Lust auf ein von Tom Sawyer inspiriertes Aussteigerleben weckt der in den Wolken schwebende, aubergine-beige gestrichene Starenkasten [„Baywatch Mec Pom“] ebenso wie die mit Blüten bemalte, auf Stelzen gesetzte Hütte mit verandaartigem Austritt über den Wellen, die an der Küste Floridas steht [„Melanie“].

Mit viel Sinn für die Situationskomik beobachtet Finke das Wettkampfgeschehen der Lebensretter. Da liegen, wie auf dem Präsentierteller, knackige Leiber in blauen Leibchen im Sand, die hochkonzentriert und angespannt auf den Startschuss warten [„Herrings“], und die auf ihren Brettern kauernden, heftig mit den Armen rudernden Wellenreiter scheinen, in Anbetracht des riesigen, grüngestrichenen Frachters im Hintergrund, ein schon verlorenes Rennen zu führen [„Aurora“].

Diese Fotografien wirken wie Schnappschüsse und haben zugleich die Anmutung eines Gemäldes. Die fotorealistische Wirkung, die in den 1960er- und 70er-Jahren Maler erzielten, die stark vergrößerte Fotos inklusive der Rasterpunkte mit dem Pinsel kopierten, kehrt die Fotokünstlerin Finke um. Sie erzeugt bei der späteren digitalen Bearbeitung ihres sozusagen in freier Wildbahn geschossenen Rohmaterials einen „Wie gemalt“-Effekt, indem sie Konturen auflöst, Unschärfen setzt und die Farben verstärkt. Die Farben und Formen lösen sich so ein Stück weit von ihren Trägern und führen ein das Bild wie ein Muster strukturierendes Eigenleben: „Patterns of Life“, so lautete 2004 der Titel einer Ausstellung der Künstlerin.

Immer ist das Ausgangsmaterial eine nicht gestellte Fotografie, das Dokument eines Augenblicks. Die Bildbearbeitung, beginnend mit der Wahl des Ausschnitts, hebt das Motiv aus seinem Kontext heraus und gibt ihm eine Form der Allgemeingültigkeit. Finkes Fotografien sind keine Portrait- oder Landschaftsaufnahmen; sie stehen vielmehr, oft durchaus ironisch gebrochen, für Sehnsüchte und Empfindungen: Fernweh verkörpern die Hafenarbeiter, das im Himmel schwebende Strandwachthäuschen weckt Baumhüttenträume, und die Stewardess unten an der Gangway erfüllt das Bedürfnis, erwartet zu werden [„Stewardess“].

Der Unschärfe wegen kann der Betrachter auf Menschenbildern die Gesichtszüge nicht genau erkennen. Was er wahrnimmt, sind Kleidung und Haltung, Habit und Habitus dieser Menschen. Fast alle tragen sie eine Art Uniform, die sie als Teil einer Gruppe ausweist: die weiß-rot gemusterten langen Röcke und Kopftücher der „Turkish Teens“ ebenso wie die pastellfarbenen Hemdblusenkleider der „Hostesses“, die Trikots der Fußballerinnen von Turbine Potsdam oder die Badekappen und Leibchen der Wassersportler.

Die Mädchen beim vermutlich verordneten Sightseeing [„Girls on Reichstag“] zeigen, ebenso wie die Jugendlichen am Wasser [„Teenagers on Stumps“], die ihrem Alter zugeschriebene Haltung des Rumhängens. Ganz anders die „Kickerinnen“ – so heißt die Serie zum Frauenfußball –, als sie sich zum Kreis um die Schultern fassen: Mit dem leuchtenden Weiß der Stutzen und Hosen strahlt dem Betrachter die aus Teamgeist und Siegeswillen geballte Kraft entgegen, die die Spielerinnen in diesem Ritual beschwören [„Turbinen-Konzentration“].

Die im September 2005 fotografierte Serie „Nachsaison“, ein Gegenentwurf zu den farbintensiven, vitalen Baywatch-Bildern, kommt fast ohne Menschen aus. Sie zeigt die Strandseite des vornehmen toskanischen Badeorts Viareggio. Zaun an Zaun stehen dort die für italienische Strände so charakteristischen stabilimenti balneari, die mit Umkleiden, Schirmen, Liegen, einer Bar et cetera für Strandkomfort sorgen. Im September ist die Saison vorbei, sind die Bäder geschlossen. „Primavera“, „Paradiso“, „Amore“: die klingenden Namen über den Eingangstoren verheißen noch italienische Urlaubsfreuden, doch auf den verschlossenen Gattern vor den Überbleibseln des Strandinventars sind sie von Finke als sichtbar leere Versprechen in Szene gesetzt.

Was übrig geblieben ist vom Sommerleben, wirkt verloren, beschädigt oder deplaziert, aber auch befreit vom Makel des Funktionalen und geheimnisvoll in seiner Verlassenheit. Wie ein ausgeweidetes Schiffswrack liegt das weiße Tretboot am Strand, mitten im Bild vor der Silhouette des Hafens am Horizont [„Weißes Boot“], und die winterfest eingepackte Dusche steht auf dem gekachelten Unterbau so exponiert wie ein Denkmal auf seinem Sockel [„Blick auf Meer“].

Mensch, Tier und Natur vereint das jüngste Projekt der Künstlerin. Auf Poloturnieren hat sie das Spielgeschehen dieser ungeheuer kampfbetonten Sportart beobachtet, auch im Oberengadin, wo jedes Jahr im Januar auf dem zugefrorenen St. Moritzersee der Cartier Polo World Cup on Snow ausgetragen wird. Auf dem schneeweißen Grund vor der grandiosen Alpenkulisse bringt Daniela Finke die explosive Dynamik dieses Sports, die Kraft, Eleganz und Geschicklichkeit der Poloponys und ihrer Reiter unvergleichlich zur Geltung – natürliche Kunstfertigkeit, die auch dann triumphiert, wenn ein Spieler zu Boden geht [„Down to earth“].

© Teresa Löwe-Bahners, Frankfurt am Main

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