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DANIELA FINKE Fotografie

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Fotografie im Schwebezustand, Marc Peschke, 2007

Polo ist eine Sportart, von der wir wenig wissen. Manchmal liest man einen Artikel beim Warten in einer Arztpraxis - von den Prinzen of Wales, die sich als begeisterte Polospieler (mit respektablem Handicap) betätigen - oder auch vom vielleicht reichsten Polo-Spieler der Welt, Hassanal Bolkiah, dem Sultan von Brunei. Es ist ein Sport, der, auch wenn viele ein Polo-Hemd im Schrank haben, nicht gerade populär ist: ein Terrain, auf dem man gerne unter sich bleibt. Wer gar nichts darüber weiß, dem sei gesagt: Vier Spieler hat ein Team. Der Ball wiegt 130 Gramm. Ziel ist es, diesen ins gegnerische Tor zu befördern.

Wer ein Polo-Spiel verfolgt, der kann sich der Faszination nicht entziehen. Es ist ein gefährliches Unterfangen: für den Spieler, vor allem aber für die Polo-Ponys, die in vier Zeitabschnitten von jeweils sieben Minuten, dem so genannten „chukker“, über ein beinahe 300 Meter langes Feld getrieben werden. Um die Belastung für die Tiere zu mindern muss jeder Reiter etwa vier bis sechs Pferde wechselnd einsetzen. Es ist ein Spiel, das von Kraft, Dynamik und Schnelligkeit lebt.

1869 wurde in England der erste Polo-Club Europas gegründet - und noch heute wacht die „Hurlingham Polo Association“ als Dachverband über die Entwicklung des Sports. Doch auch in Deutschland, in Hamburg-Flottbek, in Düsseldorf, Berlin, Frankfurt am Main oder München, wird Polo gespielt. Es gibt etwa 300 aktive Spieler, die mit den gleichen Schlägern hantieren wie noch im 19. Jahrhundert. Traditionen zählen viel im Polo.

Die Berliner Fotokünstlerin Daniela Finke hat in den vergangenen Jahren viele Polospiele in Deutschland und auch das renommierte Winterturnier „Cartier Polo On Snow“ in St. Moritz besucht - und fotografiert. Vor allem die nachträgliche digitale Bearbeitung des Bildes durch leichte, sehr genau ausbalancierte Unschärfen definiert Finkes fotografischen Stil. So offenbaren sich der menschliche Körper und der des Pferdes in seiner Kraft und Schönheit, in seinen Bewegungen und Gebärden, auch wenn die Feinheiten der Physiognomien beinahe vollkommen verschwinden.

Mit dieser nachträglichen Reduktion, der Entschlackung der Formen und der gleichzeitigen Intensivierung des farblichen Ausdrucks hebt die Künstlerin die gezeigten Szenen deutlich aus dem ursprünglichen Bildkontext heraus und erweitert diese um eine Vielzahl möglicher Konnotationen. Wir sehen hier nicht die üblichen Sportaufnahmen. Daniela Finke ist nicht fixiert auf die „eine entscheidende Sekunde“.

Im Gegenteil: Ihre Fotografien entfernen sich vom Moment der Dokumentation, weisen über ihn hinaus. Sportler, Pferde, Zuschauer, die Szenen des Spiels und das, was am Rande passiert, Pferdepfleger, einen Mann, der den Rasen präpariert, die Zuschauer beim „tread in“, dem Festtreten des Rasens in der Spielpause, den Glamour dieser Sportart - all das zeigt Finke, doch nicht als fotografische Tatsache, sondern als geheimnisvolles, ambivalentes und abgründiges Theater aus Formen und Farbe.

Auch Martin Munkacsi, der legendäre ungarische Sportreporter und Modefotograf hat sich mit dem Polo-Sport beschäftigt. 1929 fotografierte er einen Wettkampf in Berlin-Frohnau und zeigt die Dynamik und Schnelligkeit des Spiels in klassischem Schwarzweiß. Die fast 80 Jahre später entstandenen Arbeiten Daniela Finkes leben dagegen von der Farbe und dem vollendeten Einsatz digitaler Mittel. Die Fotografie, die vor Ort entsteht, ist der Anfang eines Prozesses, bei dem sie - im Unterschied zu Martin Munkacsi, dem die Schärfe der Darstellung als erstrebenswert erschien - die Vorlage durch Unschärfen und Auflösen von Konturen modifiziert.

Die Reduktion und Abstraktion der Formen, die intensivierte Farbgebung verstärken die Dynamik des Gezeigten. Wir erkennen die Gesichtszüge der Menschen nur ungenau, doch gerade in der Entpersonalisierung liegt die Kraft dieser Bilder: Sie identifizieren nicht weltbekannte Spieler oder prominente Zuschauer, sondern reduzieren diese auf ihre Rollen im Spiel. Finkes künstlerische Arbeit beleuchtet immer wieder den Antagonismus von Vereinzelung und Gemeinschaft, die Interaktion zwischen dem Einzelnen und den Anderen.

Finke gefällt es, wie eine Malerin Bilder zu konstruieren, zu verfremden, zu manipulieren, neue Kompositionen zu finden, Formen und Farben zu modifizieren, aus der Realität heraus einen atmosphärischen, von Menschen belebten Bildraum zu kreieren. Kein Abbild der Wirklichkeit, sondern ein irritierendes, neues, autonomes Bild aus digitalen Zeichen, das auf seine reale Vergangenheit verweist. Fotografie im Schwebezustand.

© Marc Peschke

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